Falun Gong - wie ist die Bewegung einzuordnen?


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Posted by / Absender Martin (No email given) on 17.Jul 2004 um 01:28:01:

Hallo zusammen!

Aufgrund der Aktivität in einem anderen Foren habe ich mal eine Zusammfassung und Einschätzung über Falung Gong geschrieben - dabei betreibe ich persönlich kein Falun Gong oder was ähnliches, aber habe ich mich bereits eingehend mit dem Thema beschäftigt.

So habe ich in einem anderen Forum oft gelesen, Falun Gong habe unlautere Absichten und sektenähnliche Strukturen. Als Außenstehender und naher neutraler Beobachter kann ich sagen, dass das nicht mein Eindruck ist. Bei Falun Gong geht es weder ums Geld noch um politische Macht, sondern offenbar einzig und allein um die Kultivierung.

Dabei sei auch noch erwähnt, dass sich Falun Gong sehr an das in der traditionellen chin. Medizin praktizierte Qi Gong änlehnt. Qi Gong ist somit in China durchaus anerkannt und auch nicht verboten, auch wenn es hier im Westen und in der Schulmedizin mehr esoterisch bezeichnet wird.

Oft wird auch von Menschen behauptet, die Falun Gong mit Vorurteilen gegenüberstehen, dass vor dem Verbot Falun Gong nicht wie heute kostenlos war, und das man sich in Politik und ähnliches einmischen wollte, so dass dies ein Verbotsgrund in China darstellte. Das z.B. ist leicht widerlegbar: Falung Gong wurde von der chinesichen Regierung am 22. Juli 1999 offiziell verboten. Nun habe ich hier zu Hause eine Buch über Falun Gong von Li Hongzhi vorliegen, welches von 1998 ist, also ein Jahr vorher gedruckt wurde. Dabei stehen hinten im Anhang wichtige Verhaltensregeln für Schüler oder Übungsleiter drin, die ich hier einfach mal aufzählen werde, damit das ganze mal ein bisschen klarer wird.

Das Buch kostete übrigens weniger als 10 Euro hier in Deutschland - kann aber auch kostenlos heruntergeladen werden (siehe http://www.zensiert.de). Daran verdient der Verlag, die Druckerei, Materialkosten werden gedeckt, der Übersetzer wird bezahlt und der übriggebliebene Rest geht an den Autor. Amazon-Verkaufrang: 133.280 - auf gut Deutsch: Das Buch ist so gut wie überhaupt nicht gefragt.

Im Buch (von 1998) selbst steht hinten drin unter "Hinweise für die Kultivierenden" (Ausschnitt):

1. Falun Dafa ist eine große Kultivierungsmethode der buddhistischen Schule. Niemand darf im Namen der Falun-Dafa-Kultivierung für Religionen werden.

2. Alle Kultivierenden von Falun Dafa befolgen streng die Gesetze der Länder. Das Gong und De von Falun Dafa verbietet ausdrücklich Verstöße gegen staatliche Richtlinien und gesetzliche Bestimmungen. Beim Verstoß gegen Recht und Gesetz müssen die Betreffenden die Konsequenzen tragen.

3. ...

4. Ohne Erlaubnis des Begründers und Meisters unserer Kultivierungsschule und ohne die Erlaubnis der betreffenden Organisationen werden die Kursteilnehmer, Übungleiter und Schüler von Falun Dafa keine Patienten behandeln. Es ist nicht erlaubt, dafür Geld zu kassieren oder Geschenke anzunehmen.

5. Die Schüler von Falun Dafa konzentrieren sich auf die Kultivierung des Xinxing. Sie greifen nicht in die staatliche Politik ein und beteiligen sich auch nicht an politischen Auseinandersetzungen oder Aktivitäten. Wer gegen diese Vorschriften verstößt, ist kein Falun Dafa-Schüler mehr. Sämtliche Konsequenzen tragen die Betreffenden selbst.


Und unter "Kriterien für Übungsleiter von Falun Dafa" steht u.a.:


1. Die Übungsleiter müssen diejenigen sein, die unseren Kultivierungsweg schätzen. Sie sind mit Begeisterung bei der Arbeit und bereit, ihre Dienste unentgeltlich zu leisten. Sie kümmern sich um die Organisation der Übungsaktivität.

2. ..

3. In der Übungsgruppe sind die Übgunsleiter streng gegenüber sich selbst und nachsichtig gegenüber den anderen. Sie achten gut auf das Xinxing und sind hilfsbereit und liebevoll.

4...

5. Die Übungsleiter geben die Übungen kostenlos weiter. Es ist streng untersagt, dass sie dafür Geld oder Geschenke annehmen. Als ein Kultivierender strebt man nicht nach Ruhm oder Reichtum. Was man erhält, ist das Gong und De.

Wie gesagt: das Buch ist von 1998. Die Bewegung wurde allerdings erst am 22. Juli 1999 - als ein Jahr später - offiziell verboten! Warum? Weder einer politische Gefahr noch eine gesellschaftliche Gefahr ist aus den obigen Regeln - insbesondere den fettgedruckten - ablesbar: das Gegenteil ist der Fall.

Die Argumente, dass vor dem Verbot unlautere oder kommerzielle Absichten verfolgt wurden, ist somit aus der Welt geschaft. Und zwar nachweislich.

Auch ist eine sektenähnliche Struktur bei Falun Gong nicht erkennbar, da z.B. Voraussetzung für den Übungsleiter nur Freude an den Übungen und Engagement, diese Übungen kostenlos weiterzugeben, vorhanden sein muss. Eine höhere Kultivierungsebene ist also scheinbar nicht notwendig oder Voraussetzung, zumalen es laut Buch auch verboten ist, mit einer höheren Kultivierung - was immer das auch sein mag - zu prahlen oder anzugeben, sondern es muss Toleranz und Rücksichtsnahme geübt werden! Ein Aufbau einer Hirarchie ist somit nicht möglich, auch ist eine Kontrolle von "Mitgliedern" gar nicht möglich. Hingegen ist die Bezeichnung "Meister" eine übliche Bezeichnung solcher Schulen für den Lehrer und wird bei Schulen des ursprünglichen Qi Gong bis hin zum Kampfsport Kungfu verwendet. Dies darf man also nicht überbewerten - was man als Europäer vielleicht gerne tut.

Einen Vergleich zu Scientology oder ähnlichen Sekten kann also nicht gezogen werden. Leider bezeichnen auch Zeitungen wie der Spiegel Falun Gong als "Sekte" - aber das entspricht nicht der Vorstellung, die wir unter diesem Begriff heute verstehen.

Wer übrigens die chinesischen Gesetze ein wenig kennt, der weiß, dass es durchaus ein Petitionsrecht in China gibt. Ein Chinese hatte laut Spiegel.de dieses Recht in Anspruch genommen und eine Petition gegen das Verbot von Falun Gong eingereicht. Er ist daraufhin verhaftet worden, obwohl es laut chin. Verfassung ein Petitionsrecht gibt und sich aus der Petition selbst nicht unbedingt ein Praktizieren der Übungen ableiten lässt. Gedrucktes Papier und Wirklichkeit untscheiden sich zwar überall auf der Welt, aber in China ist die Diskrepanz schon ziemlich groß.

Was die Verbrennung auf dem Platz des Himmlischen Friedens angeht, so gibt es da z.B. ein paar Dinge anzumerken: An der Verbrennung machen mich nämlich mehrere Sachen skeptisch. Zum einen habe ich im Buch gelesen, dass für Falun Gong-Anhänger Selbstmord absolut nicht in die Tüte kommt, da sie aufgrund der buddhistischen Glaubensphilosophie an Wiedergeburt glauben. Dabei ist das Menschsein die höchste Form der Existenz, und es ist z.B. möglich, auch als Tier wiedergeboren zu werden und dass es sehr lange dauern kann, bis man wieder als Mensch auf die Welt kommt. Sogesehen - wenn etwas für Falun Gong Anhänger zählt - dann sind es deren eigene Prinzipien. Entgegenhalten könnte man die Protest-Selbstverbrennung eines Pfarrers in der DDR, da Selbstmord im christlichen Glauben ebenso nicht legitim ist. Hier könnte der Pfarrer aber in einem klärenden "Gespräch mit Gott" den Freischein dafür geholt haben, um trotzdem ins Paradis zu gelangen - solche Garantieen oder Packte, wie sie ja in der Bibel des öfteren Vorkommen, kann es im Buddhismus aber nicht geben, da es dort keine höhere, übernatürliche Instanz ansich gibt, sondern eher eine Überwindung des eigenen Ichs zu sich selbst angestrebt wird. Dementsprechend könnte die Verbrennung auch inziniert sein, von Menschen die Geld benötigen und die von der KPCh bezahlt wurden. Untermauert werden kann diese Theorie zum einen mit der vielschichtigen Kleidung, die die mutmaßlichen Falun-Gongler anhatten, zum anderen mit der deutlichen Videosequenz, dass die eine Frau, die angeblich durch das Feuer gestorben ist, durch einen Schlag auf den Hinterkopf offensichtlich verletzt wurde. Diese Szene kann man hier auf dem Video (benötigt RealPlayer) zwischen 2:40-3:20 erkennen, wo die Frau auf die Feuerwehrleute/Polizisten zuläuft, um gelöscht zu werden, aber von hinten mit einem harten Gegenstand auf den Kopf geschlagen wird und dann zusammensackt. Diese Frau wurde offenbar schon tot vom Platz geholt. Tatsache aber - so habe ich im Gespräch mit einem Arzt für Allgemeinmedizin erfahren - sind Brandwunden allein durchaus nicht so schnell tödlich. Erst wenn eine bestimmte Prozentzahl des Körpers verbrannt ist, ist kein Überleben mehr möglich. Dabei tritt der Tod dann auch nicht unmittelbar ein, sondern die fehlende Atmungsfähigkeit der Haut läßt den Menschen langsam sterben. Bei Verbrennungen 3. Grades (Zerstörung der Haut->Brandnarben) können Menschen bei einem Alter bis zu 25 Jahren mit 60% Verbrennungfläche der Haut gut überleben. Zwischen 60% und 80% ist die Prognose schlecht und darüber gilt der Tod als nahezu gesichert[1]. In welchem Maße Menschen Verbrennungen (kurzfristig) überleben können, konnte man nach dem Attentat in Djerba erkennen, wo kohlrabenschwarze Menschen mit Verbrennungen 4. Grades, bei denen man annahm, sie seien tod, auf der Erde lagen aber dennoch gelebt und sich bewegt haben.

Der Tod der Frau auf dem Platz des Himmlischen Friedens wurde dann in vielen chin. Nachrichtenmagazinen ausgeweitet, insbesondere um den Verbotsgrund für Falun Gong aufrechtzuerhalten. Desweiten wurden in China z.B. in der nördlichen Provinz Heilongjiang behauptet, dass ein Vater, der sein Kind, seine Frau und sich selbst gerichtet hat, ein Falun Gong Anhänger gewesen sei. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass soetwas den Prinzipien des Falun Gong fundamental widerspricht, ist der Grund für diese Tat vermutlich ein ganz anderer gewesen, wahrscheinlich gab es noch nicht mal einen Zusammenhang mit Falun Gong. Ebenso wurde in einem Zug ein Interview mit einem Canadier übers Radio gebracht, der Falung Gong "blöd" findet. Die Art und Weise, wie China die Nachrichten kontrolliert sollte einem aber bewußt sein: Beispiele über die Verfahrensweise findet man in der Vergangenheit, z.B. über die Demonstration (siehe hier: den Film) der Hongkonger gegen das geplante Sicherheitsgesetzt von Peking, welches fundamentale Rechte wie Meinungsfreiheit, Schutz der Wohnung verletzt hätte. So wurde in Rot-China behauptet, dass in Hongkong die Leute auf die Straße gegangen sind, weil das Wirtschaftswachstum in Hongkon geringer sei als z.B. in Shangehai und im Rest-China. In den Südlichen Provinzen, die an Hong Kong gliedern, hat man diese Nachrichten nicht auf diese Weise verbreitet, weil da die KP weiß, dass viele die Hong Konger Fernsehprogramme (illegal) sehen.

Das ist nur ein Beispiel von vielen. Ich kann jedenfalls nur zu dem Schluss kommen, dass vieles, was über Falun Gong verbreitet wird, offenbar überhaupt nicht stimmt, wenn man sich damit etwas näher beschäftig. Ich gebe zu, dass auch ich am Anfang diesen Vermutungen und Vorurteilen etwas unterlag. Aber gezieltes Nachlesen, Informieren, aber auch Gespräche mit Praktizierenden kann einen schon etwas weiterbringen und Vorurteile abbauen.


Gruß,
Martin


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