Einleitung

Unser Leben am Übergang zum 21. Jahrhundert hat sich weitestgehend entfernt von den Zeiten, in denen der Kampf ums Überleben in Form einer direkten körperlichen Auseinandersetzung mit einem Gegner oder Feind ausgetragen werden mußte. Obwohl heutzutage der Aspekt der Selbstverteidigung angesichts zunehmender Gewaltverherrlichung seitens der Medien und wachsender Aggression gegen Andersdenkende erneut seine Bedeutung ganz im einstigen Sinne des Selbstschutzes erfährt, ist das Erlernen einer Kampftechnik zu keiner Zeit allein zum Zweck der körperlichen Ertüchtigung geübt worden. Stets stand ebenso im Vordergrund, den Geist zu schulen und die Sinneswahrnehmung zu schärfen.

Eine Fülle von Techniken und die entsprechenden Bewegungen helfen dem Übenden, Koordination, Balance, Beweglichkeit, Ausdauer etc. zu entwickeln, was wiederum Auswirkungen auf sein emotionales Empfinden hat. Es ist nicht weiter verwunderlich, wohl aber bemerkenswert, da?die modernen körperorientierten Therapieverfahren viele dieser Techniken und Bewegungen einsetzen. Eine Parallele zeigt sich z.B. zwischen den Prinzipien des Taiji Quan (TJQ) und der Alexander-Technik, denn beide fördern eine korrekte Haltung und ein feines Ausbalancieren des Kopfes auf der Halswirbelsäule. Weitere Ähnlichkeiten finden sich bei der Feldenkrais-Methode, die wie das TJQ weiche, angenehme Dehnungen vermittelt.

Ein therapierender Effekt beim Erlernen einer Kampfkunst ist außerdem die oftmals ruhige Abgeschiedenheit des Übungsraumes, japanisch 'Dojo'. Die vertrauensvolle Umgebung, aber auch die im Dojo vorherrschende Konzentration und Disziplin, erlauben uns ein Aufbrechen von wahrhaft eingefleischten Gewohnheitsrastern und ermöglichen einen anderen Blickwinkel auf unser Selbst. Es wird deutlich, wie wir unser Wesen darstellen in Extremsituationen wie z. B. bei völliger Erschöpfung oder in der Konfrontation mit den eigenen Unzulänglichkeiten.

Auch verschüttete Neigungen können sichtbar werden und Vorlieben oder Begeisterung bei bestimmten Übungen werfen ein Bild auf unseren emotionalen Charakter und unsere Lebensfreude, darauf, wie wir uns im Körper fühlen.

"Ein Dojo ist ein Miniatur-Universum, in dem wir Kontakt mit uns selbst aufnehmen können - Kontakt mit unseren (...) Reaktionsweisen und Gewohnheiten."
Die Konflikte, die sich an diesem Ort zeigen , sind oft ein deutlicher Spiegel unserer Verhaltensmuster in der gewohnten Alltagswelt.

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Entnommen aus: Renate Golletz, "Taiji Quan als Weg zur Selbsterkennung".
Chinalink.de Letzte Änderung: 27. Nov 02.