Chinalink.de Chinesische Siegel

 

 

Ein üblicher Satz im chinesischen Alltag lautet: „Bitte unterschreiben Sie und setzen Sie Ihren Stempel daneben“. Sie brauchen ein Namenssiegel, um Geld abzuheben, einen Vertrag zu legalisieren, den Empfang eines eingeschriebenen Briefes oder offizieller Dokumente zu bestätigen. In China ist seit Menschengedenken bis zum heutigen Tage, bei offiziellen Regierungsgeschäften und Privatangelegenheiten, seien sie wichtig oder trivial, das Siegel die Bestätigung der Absprachen. Nachdem man mit seinem Namen unterschrieben hat, mu?das Siegel das Dokument noch rechtskräftig machen. Namenssiegel sind ständige Begleiter der chinesischen Kalligraphen und Maler. Die Künstler folgen dem Brauch, ihre Werke mit ihrem Siegel zu „signieren“ und ihre Echtheit zu bestätigen. Überall spielt der Stempel eine äußerst wichtige Rolle im Leben eines Chinesen.

Namenssiegel werden von Hand graviert. Diese Technik verbindet die Schönheit der geschriebenen chinesischen Sprache mit den Linienzeichnen. Ein Namensstempel erzeugt fast immer das gleiche Bild der Buchstaben oder Figuren, gleichgültig wie viele Male er verwendet wurde, und daher kann er als der Vorläufer einer der vier großen Erfindungen der Chinesen betrachtet werden - das Druckereiwesen, der Kompass, das Schießpulver und die Papierherstellung.

Traditionell verwendete man gewöhnlich zur Siegelherstellung Kupfer für die allgemeine Bevölkerung und Jade für den Kaiser und den Adel. Sowohl Kupfer wie auch Jade sind äußerst haltbare Materialien, die von einem Fachmann in einem sehr genauen Prozess langsam und vorsichtig gegossen oder geschliffen werden müssen. Ende der Yuan Dynastie (1271-1368 n. Chr.) begann der gro?Maler Wang Mien seine eigenen Siegel aus Pyrophylit zu schnitzen, einem relativ weichen Mineral. Graviert ein geübter Kalligraph einen Stempel selbst, so kommt dabei nicht nur die Schönheit der Kalligraphie zum Ausdruck, sondern auch der besondere Effekt des Schnitzens mit dem Messer im Gegensatz zum Schleifen. Bei den Literaten dieser Zeit erfreute sich diese Methode des Siegelschnitzens allmählich großer Beliebtheit. Später fügten sie dem Stempel ein weiteres Merkmal hinzu: ein Gedicht, das die Laune und Umgebung des Künstlers wiedergab und rezitert oder gesungen werden konnte, wurde auf eine Seite des Siegels geschrieben, je nach der gerade hereschenden Laune und Umgebung des Künstlers. Manchmal vermerkte er nur seinen Namen, seine Heimatstadt und das Datum, an dem er das Siegel schnitzte. Die Verzierungen verraten sehr viel über das Künstlerdasein in China zu jener Zeit. Dank einer lebhaften Verbreitung durch die Gelehrten über die Jahrhunderte hinweg, wurde die Kunst des Siegelschnitzens mit der Zeit zu einem Bestandteil der traditionellen Kalligraphie und Malerei und gehörte als drittes Element zu den bildenden Künsten in China.

Der wichtigste Teil des Siegel ist die Gravur der Stempeloberfläche. Hat man erst einmal den kalligraphischen Stil ausgewählt und die Anordnung der Buchstaben entschieden, „Komposition eines Siegels“ genannt, dann ist das bereits die Hälfte der Arbeit. Das Schnitzen der Buchstaben mit geschickten, sicheren Schnitten wird „Messertechnik“ genannt. Die Verbindung dieser zwei Elemente führte zu einer völlig neuen schriftlichen Ausdrucksform, die als „kalligraphische Technik“ bezeichnet wurde. In der hochentwickelten Kunst des Siegelschnitzens findet man hervorragende Leistungen in „Komposition“, „Messertechnik“ und „kalligraphische Technik“. Um die Feinheit und die Schönheit eines Siegels zu vervollkommnen, wird der Graveur manchmal das Siegel als eine sorgfältig ausgeführte Skulptur arbeiten. Oder er schnitzt an den Seiten ein Flachrelief ein. Einzigartige und atemberaubende Originalentwürfe eines Siegels entstehen, wenn die natürliche Maserung und Färbung des verwendeten Steines mit der Gravur künstlerisch verbunden werden. Die Kombination zwei- und dreidimensionaler Elemente verleiht einem Siegel eine besondere künstlersche Note und Ausdruck.

Im praktischen Gebrauch wird das gravierte Siegel in rote Tintenpaste gepreßt und dann auf das Papier gestempelt. Die rote Tintenpaste, bestehend aus Zinnober, einer Quecksilberverbindung, ist ein unersetzliches Utensil in der Siegelkunst. Die wichtigsten Merkmale der Tintenpaste sind seine Farbe und sein Glanz; gute Tintenpaste ist leuchtendrot und behält ihre ursprüngliche Schönheit über Jahre hinweg. Porzellan ist das idealste Material für den Behälter der Tintenpaste. Tintenpaste mu?häufig mit einem elfenbeinernen Stab umgerührt werden, damit sich das Öl nicht an der Oberfläche absetzt und die Paste darunter eintrocknet. Kenner bewahren den Pastenbehälter in einer Schachtel aus Holz oder Satintapisserie auf, um die Tintenpaste vor Erschütterungen zu schützen.

Die Kunst des Siegelschnitzens steht in der Republik China auf Taiwan in hohem Ansehen. Stempel bilden einen unabhängigen Ausstellungszweig der schönen Künste. In allen Kunstfakultäten gibt es Klassen für Stempelschnitzen. Eine private Vereinigung der Siegelschnitzer in der Republik China fördert diese chinesische Kunstform durch Veröffentlichungen, Seminare und Ausstellungen. Außerdem finden Studienreihen und Diskussionsrunder über das Siegelschnitzen statt. Stempelentwürfe werden auch als Drucke in Buchform veröffentlicht, die beliebte Geschenke sind. Stempelschnitzen stellt eine ruhige und befriedigende Freizeitbeschäftigung dar, die es wert ist, in der Bevölkerung verbreitet zu werden.

In Taiwan ist das Siegelschnitzen nicht nur eine künstlerische Ausdrucksform; die überall anzutreffenden Geschäfte der Stempelschnitzer sind Beweis seiner praktischen Natur. Häufig findet man in Läden unbearbeitete Siegel aus Holz, Stein, Elfenbein, Horn, Metallegierungen und synthetischen Fasern, die der Kunde nach persönlichem Geschmack und Verwendungszweck aussuchen kann. Vor einer noch größeren Auswahl steht er bei den kalligraphischen Stilen, die von der klassischen Siegelshrift (chuan shu), zur klerikalen Normalschrift (li shu), und der regulären Schreibschrift (k'ai shu) bis zu den verschiedenen Schriften reichen, die speziell für die Stempelschnitzkunst entworfen wurden, wie der „Vogel“, „Insekt“ und „Phoenix“ Stil und weiter bis zu einer endlosen Anzahl weiterer Stile und Varianten. Der Strom von Touristen und Studenten, die nach Taiwan kommen, lie?das ausländische Interesse an der Stempelkunst erwachen; ein Namenssiegel, der nur ein einziges Mal existiert, ist ein sehr persönliches und einzigartiges bleibendes Souvenir. Die Weiterentwicklung dieser Kunst, ungeachtet geographischer Grenzen oder des Laufs der Zeit, ist hierdurch gewährleistet.

 


Zuletzt geändert am 27.11.02 von Chinalink W. Odendahl